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Los geht's

Luther 2017

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Einführung: Luther, die Reformation und der Nordwesten

Nur mal angenommen, Martin Luther hätte ein Twitter-Profil – so könnte es aussehen:

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"Bibel-Übersetzer und Chef-Reformator. Gründer der Evangelischen Kirche. Papa und Papst-Kritiker. Theologie-Professor, Priester, Komponist."

Luther, ein Mann mit vielen Facetten.

Fest steht, ohne ihn wäre unser Leben heute nicht das Gleiche. Heute heißt, 500 Jahre nach der Reformation. Und darum geht es hier auch: um Luther, um die Reformation und um die Frage, was die Reformation im Nordwesten Deutschlands verändert hat. Was ist hier anders gewesen? Was besonders? Wer hat die Reformation hier geprägt? Und was war mit den Frauen? Welche Rolle haben sie gespielt? 

Um Antworten zu finden, hangeln wir uns an Luthers Leben entlang in den Nordwesten. Wir machen uns auf eine multimediale Spurensuche...
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1483–1505: Geburt, Schule, Studium

Geboren wird Martin Luther am 10. November 1483.

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So steht es zumindest in Geschichtsbüchern. Vielleicht ist er aber auch ein, zwei Jahre früher oder später zur Welt gekommen. So genau konnte das selbst Luther nicht sagen. Der Geburtstag ist für die Menschen damals einfach nicht besonders wichtig. 

Übrigens, der Geburtsname von Martin ist Luder. Erst später ändert er seinen Namen in Luther.

Bald nach der Geburt von Martin zieht die Familie von Eisleben nach Mansfeld um. Vater Hans kann sich dort im Bergbau etablieren. Fleiß und Glück machen ihn zum sozialen Aufsteiger. Sohn Martin soll es noch weiter bringen – deshalb schicken ihn die Eltern zur Schule, später zum Studium.

Und im Nordwesten?




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Auch im Nordwesten können Kinder zur Schule gehen. Zumindest einige Jungen. Mädchen bekommen Unterricht nur, wenn sie in ein Kloster eintreten. Überhaupt ist Bildung im 16. Jahrhundert noch keine Selbstverständlichkeit, erläutert Kulturwissenschaftlerin Andrea Hauser:

„Es war natürlich damals keineswegs so, dass die Bevölkerung insgesamt lesen und schreiben konnte. Das waren zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung, denn es gab noch keine allgemeine Schulpflicht, wie wir sie heute kennen.“

Keine Unis im Nordwesten

Schulen sind im Nordwesten meist einem Pfarrbezirk zugeordnet, einem sogenannten Kirchspiel. Die Schulen heißen deshalb auch Kirchspielschulen. Der Name ist Programm: neben Lesen und Schreiben lernen Kinder vor allem die Glaubens- und Sittenlehre der Katholischen Kirche – den Katechismus.

In Bremen gibt es damals vier Kirchspielschulen: Stephani, Unser Lieben Frauen, Martini und den Dom. Aber es gibt keine Universität.

Von Bremen nach Wittenberg und zurück

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts werden deshalb immer mehr Schüler nach Wittenberg gehen, um dort zu studieren. Die Stadt im heutigen Sachsen-Anhalt wird die Hochburg der Reformation. Mit einem abgeschlossenen Studium und motiviert, die Luther‘schen Ideen auch in der Heimat zu verbreiten, werden viele Bürgersöhne dann in den Nordwesten zurückkehren und  in Bremen ein großes reformatorisches Netzwerk bilden.


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Innerhalb von drei Jahren lernt Luther so gut Latein, dass er es fließend sprechen und schreiben kann. Wer seine eigenen Latein-Skills testen will, hier geht's zu den Nuntii Latini – Nachrichten auf Latein von Radio Bremen.

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1505: Endstation Kloster?

Der Tag, der alles ändern wird

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Henrike Anders wohnt im Kloster Walsrode

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Luther goes Kloster

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1511: Die Macht des Papstes

Erfurt 1511. Martin Luther macht sich auf den Weg nach Rom, den Mittelpunkt der westlichen Welt.

Die weiteste Reise, die Luther je machen wird

Luther will sich in Rom für die Vereinigung der Augustinermönche stark machen. Zugleich ist die Reise für ihn eine Pilgerfahrt: Auf Knien erklimmt er die „Heilige Treppe“, um Sündenvergebung zu erlangen und seine verstorbenen Verwandten aus dem Fegefeuer zu befreien.

An der römischen Buß- und Ablasspraxis zweifelt er damals noch nicht. Wohl aber bekommt Luther einen Einblick, wie verkommen die Sitten in der Kirche inzwischen sind.

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Die von Rom vorgeschriebene Lebensweise prägt auch den Alltag der Menschen im Nordwesten.

Geistliche haben mehr Rechte als der Rest der Bevölkerung

Das führt kurz vor dem Beginn der Reformation in Bremen zu Konflikten. Ein Beispiel ist ein Streit um Hamburger Bier, das in Bremen zu jener Zeit eigentlich nicht verkauft werden darf, wie Jan van de Kamp vom Institut für Religionswissenschaften der Universität Bremen erklärt...






Bild:
Kleriker, Ritter und Bauer. (Cleric, Knight, and Peasant). British Library, Man.-Nr. Sloane 2435 f. 85, 13. Jh. (um 1285).






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Jan van de Kamp forscht zur Reformation im Nordwesten

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1517: Los geht's: Start der Reformation

95 Thesen

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Jetzt wird's interaktiv: mit der Maus über die Karte fahren (auch zu den Seitenrändern navigieren). Hinter jedem kleinen Punkt verbirgt sich eine Stadt im Nordwesten. Auf eine Stadt klicken und eine kurze Geschichte über den Beginn der Reformation dort lesen. 

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Sande

Der erste evangelische Prediger kommt im Jahr 1531 nach Sande. Noch ein Jahr bevor das Jeverland lutherisch wird.

Walsrode

Herzog Ernst der Bekenner von Braunschweig führt 1529 im Fürstentum Lüneburg die lutherische Reformation ein. Die sechs Frauenklöster des Landes, darunter Walsrode, leisteten heftigen Widerstand dagegen. Erst 1570 sind alle Mitglieder des Klosters lutherischen Glaubens. 

Hamburg

1522 beginnt Johann Widenbrügge in Hamburg im Sinne der Reformation zu predigen. Er ist Prämonstratenser – diese sind eine Gemeinschaft von Priestern mit Ordensgelübde. Da ihm die Predigt in den Kirchen der Stadt verwehrt wird, spricht er in verschiedenen Bürgerhäusern. 
Am 15. Mai 1529 nehmen Rat und Bürgerschaft eine von Johannes Bugenhagen erstellte Kirchenordnung an.

Bremerhaven

Bremerhaven wird im Jahr 18 Die überwiegend protestantische Bevölkerung der jungen Siedlung Bremerhaven war seit der Gründung zunächst in die nördliche Kirchengemeinde Lehe eingepfarrt. Lehe war eine überwiegend reformierte Siedlung, in der schon ab 1520 die Reformation eingeführt worden war.

Bremen

Am 9. November 1522 predigt der Augustinermönch Heinrich von Zütphen in Bremen. Von seiner Predigt begeistert, bitten ihn die Bürger zu bleiben. Ihre erste Kirchenordnung bekommt die Stadt im Jahr 1534. Diese erfährt auch die Billigung Luthers.

Lüneburg

In Lüneburg beginnt die Reformation im Jahr 1527. Ab 1530 dürfen keine katholischen Messen mehr gefeiert werden. Zwei Jahre später ist ganz Lüneburg evangelisch.

Hannover

Einige welfische Fürsten halten lange am alten Glauben fest. In Hannover und vielen anderen größeren Städten, werden evangelische Prediger daher von den Stadträten zunächst ohne Zustimmung des Landesherren berufen. Die Reformation startet auf diese Weise in Hannover im Jahr 1533.


Groningen

1559 wird das Bistum Groningen errichtet – mit der Absicht, das weitere Vordringen der Reformation aufzuhalten. Im Jahr 1594 erobert Moritz von Oranien Groningen. Zusammen mit den umliegenden Gebieten, den Ommelanden, wird Groningen ein Teil der Republik der Vereinigten Niederlande und damit auch protestantisch.

Oldenburg

1527 beginnt die Reformation in der Stadt Oldenburg in der Lambertikirche. „Magister Ummius“, Ummo Ilksen aus Stadland, der in Wittenberg studiert hat, hält ein evangelische Predigt. 1573 führt der Theologe und Reformator Hermann Hamelmann eine evangelische Kirchenordnung ein. Hamelmann wird der erste oldenburgische Superintendent und predigt in der Lambertikirche.

Osnabrück

In Osnabrück predigt der Augustinermönch Gerhard Hecker schon 1521 evangelisch. Erst 1543 schreibt dann der Reformator und Theologe Hermann Bonnus eine evangelische Kirchenordnung für die Stadt. Damit ist Osnabrück reformiert.

Ostfriesland

Bereits 1520 begann Georg Aportanus in Emden reformatorische Gedanken zu verbreiten. 1526 schlägt der Dominikanermönch Hinrich Reese aus Norden seine 16 Thesen an Kirchentüren in Aurich, Emden und in mehreren Dörfern. In Ostfriesland beherrscht der Kampf zwischen lutherischem und reformiertem Glauben die Einführung der Reformation.

Wilhelmshaven

Das Gebiet der heutigen Stadt Wilhelmshaven gehört zunächst zum Gebiet des Erzbistums Bremen. Unter Maria von Jever kann sich die Reformation in Wilhelmshaven verbreiten. So wird in Neuende 1525 und in Heppens 1532 die erste evangelische Predigt gehalten. Danach ist das Gebiet über viele Jahrhunderte fast ausschließlich protestantisch geprägt. Mit dem Übergang auf das Herzogtum Oldenburg kommt das heutige Wilhelmshavener Stadtgebiet zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg.

Cuxhaven

Ab 1394 wird Ritzebüttel mit den heutigen Gebieten Cuxhaven, Döse, Duhnen, Groden, Stickenbüttel, Arensch-Berensch, Gudendorf, Holte-Spangen, Oxstedt, Süderwisch und Westerwisch sowie der vorgelagerten Insel Neuwerk samt der Düne Scharhörn von Hamburg regiert.
Im Jahr 1529 startet die Reformation in Hamburg und damit auch in Ritzebüttel und im jetzigen Cuxhaven.

Leer

Der Prediger Lübbert Cansen flieht aus Münster und bringt die Reformation im Jahr 1525 nach Leer. Was folgt ist ein Bildersturm: Gold und Silber wird aus den Kirchen entfernt, lateinische Inschriften und Bilder übermalt.

Lübeck

Im Jahr 1524 wird die erste evangelische Predigt gehalten. Zwischen 1530 und 1531 führt der Stadtrat eine neue Kirchenordnung von Johannes Bugenhagen ein. Danach ist Lübeck über viele Jahre protestantisch. Genauer: Lübeck bildet eine lutherisch-orthodoxe Insel im sonst lutherisch-evangelisch geprägten Holstein.

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Zwei Seiten des Protestantismus

Die Ludgerikirche in Norden ist die größte mittelalterliche Kirche in Ostfriesland. Schon 1235 wurde mit ihrem Bau begonnen.
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lutherisch vs reformiert
lutherisch: Christus in Brot und Wein gegenwärtig. Heiligenverehrung und Ablasspraxis gibt es nicht mehr. Die Ausschmückung der Kirchenräume bleibt. Im Mittelpunkt der lutherischen Lehren steht der Freispruch des sündigen Menschen durch Gott aufgrund der von Jesus vollbrachten Erlösung am Kreuz – sofern der Mensch daran glaubt.

Reformiert: Die reformierte Tradition geht auf Huldreich Zwingli und Johannes Calvin zurück. Die Bibel nimmt die zentrale Stelle ein. Die Verbindung mit Christus im Abendmahl ist rein geistiger Natur. Es gibt keine ‚heiligen Dinge’, beispielsweise anstelle eines Altars nur einen einfachen Abendmahlstisch, meist ohne Kerzen und Kreuz. Auch die Kirchenräume sind schlicht gehalten. Im Mittelpunkt der Lehre steht eine gottgefällige Lebensführung, die aus Dank über den Freispruch des sündigen Menschen durch Gott erfolgt.

Ostfriesland
In Ostfriesland verläuft die Reformation etwas anders. Hier heißt es nicht nur evangelisch gegen katholisch, sondern: katholisch gegen reformiert gegen lutherisch. 

Schon 1520 lässt sich der Theologe Georg Apportanus zum katholischen Priester weihen. Allerdings nur um an der Großen Kirche in Emden predigen zu dürfen. Dort nutzt er die Stellung, um reformatorische Gedanken zu verbreiten.

1526 wird dann das Dominikanerkloster in Norden Ausgangspunkt reformatorischer Aktionen. Der Mönch Hinrich Reese verfasst 16 Thesen, die er – mit Genehmigung des Grafen – an Kirchentüren in Aurich, Emden und in mehreren Dörfern schlägt. Er greift darin die katholische Kirche an.

Im selben Jahr lädt Häuptling Ulrich von Dornum zum sogenannten Oldersumer Religionsgespräch ein. Hauptredner der protestantischen Seite: Georg Aportanus. Dieser wendet sich aber nicht nur gegen die katholische Kirche, sondern auch gegen Luther, denn er ist Anhänger des reformierten Zweigs des Protestantismus. Aportanus ist zudem Hauslehrer der Söhne Edzards I., des Grafen von Ostfrieslands. Das bedeutete aber nicht, dass sich in Ostfriesland der reformierte Glaube durchsetzt, vielmehr dominieren die Auseinandersetzungen zwischen Reformierten und Lutheranern Jahrhunderte lang die Politik. 

Der Streit geht weiter
Im Jahr 1529 erlässt Graf Enno II. die "Bremer Kirchenordnung" in Ostfriesland, zwei Theologen aus Bremen haben sie ausgearbeitet. Luther lobt die Kirchenordnung, doch die Reformierten lehnen sie ab. Die Ordnung setzt sich nicht durch.

Als 1540 Graf Enno II. stirbt, übernimmt Gräfin Anna die Herrschaft. Sie will eine starke evangelische Kirche und bemüht sich deshalb um den Ausgleich zwischen den evangelischen Konfessionen. Ihre Söhne, der Lutheraner Edzard II. und der Reformierte Johann teilen sich nach Annas Tod das Territorium und die gräfliche Macht. Sie nutzen ihre Konfession als Mittel im Kampf um die Herrschaft in Ostfriesland.

Letztendlich kann sich keine der beiden Glaubensrichtungen gänzlich durchsetzen: Bis heute ist Ostfriesland in einen mehrheitlich reformierten Westen und einen lutherischen Osten geteilt. Dabei gibt es in Ostfriesland die meisten reformierten Gemeinden innerhalb Deutschlands.

Übrigens gibt es auch Orte, in denen die Reformation sehr friedlich abgelaufen ist, wie in...

Quelle:
Ostfriesisches Teemuseum Norden (Hg.): Frauke Wiesendanner und Andreas Vilter: Auch Friesland wünscht Diener des Wortes. Norden, 2015.

Großes Bild: Die Ludgerikirche in Norden


















Die Ludgerikirche in Norden ist die größte mittelalterliche Kirche in Ostfriesland. Schon 1235 wurde mit ihrem Bau begonnen.
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In Sande verläuft die Reformation friedlich. Der erste evangelische Prediger kommt im Jahr 1531 in den Ort. Noch ein Jahr bevor das Jeverland lutherisch wird.

Die Kirche St. Magnus ist nicht nur älter als die Reformation – sie ist das älteste Gebäude von Sande. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts steht sie auf dem kleinen, aufgeschütteten Hügel, der als Friedhof genutzt wird.
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#DieThesensindanderPforte #ThesenantePfortes #DasEiistgelegt #Reformation check! #läuftbeimir
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1520: Alles eine Frage des Marketings: Die Verbreitung der Reformation

Reformation – ohne den Buchdruck nicht denkbar

Gutenberg konnte die Luther-Bibel nicht wirklich in den Händen halten. Er starb 1468 - aber hat ihr medial zum Durchbruch verholfen.
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15. Juni 1520. Der Papst veröffentlicht eine Bannbulle und droht darin, Luther aus der Kirche auszuschließen – wenn dieser nicht innerhalb von 60 Tagen seine Thesen widerruft.

Es brennt!

Am letzten Tag der Frist verbrennt Luther die Bulle. Öffentlich. Das verschafft ihm nicht nur Aufmerksamkeit, sondern führt auch zur seiner Exkommunikation, also dem Ausschluss aus der Kirche. 

Luther flutet den Buchmarkt

Bekannt ist Luther nicht nur wegen seines Streits mit dem Papst, sondern vor allem, weil er zahlreiche Schriften veröffentlicht. Er ist der Erste, der den Buchdruck intensiv nutzt – um den protestantischen Glauben zu verbreiten. Dabei setzt Luther zunächst vor allem auf Flugschriften.
Luthers Schriften überschwemmen zu seinen Lebzeiten den Buchmarkt. Geschätzte Gesamtauflage: rund vier Millionen Exemplare, also Einzeldrucke und Sammelausgaben. 

Mit (Buch)Druck zum Durchbruch

Diese Massenproduktion von Flugblättern und Flugschriften machen den Durchbruch der Reformation möglich. Es entsteht ein neues Verständnis von Öffentlichkeit, deren wichtigstes Format der Buchdruck ist. Der geistliche Stand verliert an Einfluss, denn Gottes Wort ist nun prinzipiell jedem Menschen unmittelbar zugänglich. Zumindest denen, die lesen und sich einen, damals sehr teuren, Bibeldruck leisten können.

Mund-zu-Mund-Propaganda

Neben der Verbreitung durch Schriften und Flugblätter, wird die Reformation auch durch Predigten und Gemeindegesang verbreitet. Und natürlich auch Mund-zu-Mund durch die Reformatoren selbst. Ein Who-is-Who einiger Reformatoren, die insbesondere den Nordwesten geprägt haben, gibt es auf der folgenden Seite...


Quellen:
Albrecht Beutel (Hg.): Luther Handbuch. Stuttgart, 2010.
Thies Gundlach: Bild und Bibel. Zwei zentrale Kommunikationsmittel der Reformation.





Gutenberg konnte die Luther-Bibel nicht wirklich in den Händen halten. Er starb 1468 - aber hat ihr medial zum Durchbruch verholfen.
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Nochmal Interaktion, bitte! Mit der Maus über das Bild fahren (auch zu den Seiten navigieren) und sechs prägende Persönlichkeiten der Reformationszeit entdecken. Auf eine der Personen klicken und ein kurzes Audio hören.

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Bremer Kirchenreformer: Christoph Pezel

Christoph Pezel ist Theologe und Reformator in Bremen und Nassau-Dillenburg. Er lebt von 1539 bis 1604.

Märtyrer der Reformation in Bremen – Heinrich von Zütphen

Heinrich von Zütphen ist Prior, Reformator und Märtyrer. Er lebt von 1488 bis 1524. Seine Geschichte erzählt der Kulturwissenschaftler Jan van de Kamp vom Institut für Religionswissenschaften der Universität Bremen. 

Standhaft in seinen Ansichten: Albert Hardenberg

Albert Hardenberg ist ein Theologe und Reformator in verschiedenen Städten, wie Bremen, Köln und Emden. Er lebt von 1510 bis 1574.

Der Chronist: Hermann Hamelmann

Hermann Hamelmann ist Theologe, Historiker und der Reformator Westfalens. Er lebt von 1526 bis 1595.

Übersetzt die Bibel ins Plattdeutsche: Johannes Bugenhagen

Johannes Bugenhagen ist ein Reformator und Weggefährte Martin Luthers. Er lebt von 1485 bis 1558. Seine Geschichte erzählt Reinhard Goltz, der Vorstandsvorsitzende des Instituts für Niederdeutsche Sprache in Bremen.

Geschickte Diplomatin: Anna von Oldenburg

Anna von Oldenburg ist die Fürstin von Ostfriesland und ab 1542 auch vormundschaftliche Regentin des Landes. Sie lebt von 1501 bis 1575. 

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1521: Bibel goes Plattdüütsch

Das Wormser Edikt

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"Da ist viel Wille und sehr viel Wucht dahinter gewesen, hinter diesem grundsätzlichen Gedanken: Kirche, Gottes Wort hat in Volkssprache stattzufinden."

Reinhard Goltz vom Institut für niederdeutsche Sprache

Sprichst du "Luther-Deutsch"?

Luther übersetzt die Bibel vom Lateinischen ins Deutsche und gibt sie 1534 in den Druck. Er ist nicht der erste Bibelübersetzer, aber Luther nutzt eine besonders einfach verständliche und dennoch rhetorisch elegante Sprache. Das „Luther-Deutsch“ wird von anderen Autoren aufgegriffen und prägt die deutsche Sprachbildung nachhaltig. Die Lutherbibel ist somit auch ein wichtiger Wegbereiter des Neuhochdeutschen.

Die plattdüütsche Bibel

Johannes Bugenhagen übersetzt zwischen 1533 und 1534 die Bibel ins Plattdeutsche und lässt sie in großer Auflage verbreiten. So kann sich auch die Reformation im Norden schnell ausbreiten.

Warum wir heute trotzdem nicht mehr Plattdeutsch sprechen, erklärt Reinhard Goltz vom Institut für niederdeutsche Sprache auf der nächsten Seite...





Bild:
Titelseite der Lübecker Bibel von 1533 oder 1534, mit einem Holzschnitt von Erhard Altdorfer.






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Reinhard Goltz: Latein vs Plattdüütsch vs Hochdeutsch

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Für die neue Bibelübersetzung findet Luther neue, kraftvollere Wörter. Neben denen aus dem Tweet oben auch noch: Feuertaufe, Selbstverleugnung, Lästermaul und Lockvogel. Zudem erfindet er neue Metaphern wie "Perlen vor die Säue werfen", "ein Buch mit sieben Siegeln", "die Zähne zusammenbeißen", etwas "ausposaunen", "im Dunkeln tappen", "ein Herz und eine Seele", "auf Sand bauen", ein "Wolf im Schafspelz" und "der große Unbekannte".
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1525–1526: Frauen und andere Hexen

1525: Martin Luther heiratet Katharina von Bora

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Katharina von Bora, die spätere Ehefrau Luthers ist eine der herausragenden Frauen der Reformationszeit.

Katharina die Managerin

Sie ist nicht nur Nonne, später Ehefrau und Mutter – Katharina managt auch große Ländereien, betreibt Viehzucht und eine Bierbrauerei und leitet ein Hospiz. Sie lebt für die damalige Zeit sehr selbstbestimmt. 

Katharina von Bora stammt aus einer verarmten Adelsfamilie aus dem sächsischen Lippendorf. Als ihre Mutter stirbt, wird sie zunächst auf die Klosterschule, dann ins Zisterzienserinnenkloster Marienthron geschickt. 1515 wird Katharina Nonne.

Aus dem Kloster in die Ehe

Im Kloster liest sie Luthers Schriften und will flüchten. Nicht alleine, sondern mit acht anderen Nonnen zusammen. Luther hilft den Frauen bei der Flucht, lässt sie nach Wittenberg bringen und bemüht sich darum, für jede einen Ehemann zu finden.

Als Katharina als letzte der neun Frauen unverheiratet bleibt und Luther zu verstehen gibt, dass sie nur ihn oder Amsfeld heiraten wolle, gibt sich Luther geschlagen – sie heiraten am 13. Juni 1525.  

Neben Katharina von Bora gibt es natürlich noch andere wichtige Frauen: Die Liederdichterin Elisabeth Cruciger zum Beispiel oder die Flugschriftverfasserin Argula von Grumbach oder auch die Predigerin Katharina von Zell.

Aber wie sieht es mit herausragenden Frauen im Nordwesten aus? Mehr dazu auf der nächsten Seite...

Quelle:
Armin Kohnle: Martin Luther: Reformator, Ketzer, Ehemann. Leipzig, 2015.
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Andrea Hauser: Gertruds Entscheidung

Gertrud Syssinge ist eine Frau der Reformationszeit und vor die Wahl gestellt: Kloster oder Ehe...

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Im Gegensatz zu anderen Gegenden Deutschlands, lassen sich in Bremen keine wegweisenden Frauen der Reformationszeit finden – zu diesem Schluss kommt die Kulturwissenschaftlerin Andrea Hauser: 

"Frauen waren in Bremen aktiv als ehemalige Klosterangehörige, als Ehefrauen, Mütter und Haushaltsvorstände, als Geschäftsfrauen, als Akteurinnen in den zentralen Unruhen und Streitigkeiten sowie vor Gericht."

Quelle:
Andrea Hauser: Frauen in der Reformationszeit in Bremen. Eine Vorstudie zur Neuordnung des Geschlechterverhältnisses im reformatorischen Bremen.
Bremen, 2014.

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Doris Jahnke: Hexe Anna Ameldung in Osnabrück hingerichtet

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"Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an" – Luther, 1526

Dieses Zitat stammt aus Martin Luthers Hexenpredigt vom 6. Mai 1526. Luther glaubt an die Existenz von Hexen und fordert zu ihrer Tötung durch das Feuer auf.
Er begründet dies mit dem zweiten Buch Mose: „Die Zauberin sollst Du nicht am Leben lassen“. Luther hat diese Stelle in der Bibel eindeutiger übersetzt, als die von den Katholiken genutzte lateinische Vulgata. Protestanten verfolgen wohl damals aufgrund dieser Übersetzung mit der weiblichen Form "Zauberin" vor allem Frauen.

In der Zeit zwischen 1450 und 1750 werden in West- und Mitteleuropa etwa 100.000 Menschen, circa 80 Prozent davon Frauen, als vermeintliche Hexen hingerichtet.

Hexenverfolgungen im Nordwesten

Für den Nordwesten ist das Ausmaß der Hexenverfolgung nur wenig erforscht. Fest steht: In Bremen werden zwischen 1503 und 1751 wegen Hexerei 65 Personen angeklagt. 40 davon sind Frauen. Knapp die Hälfte wird wieder freigelassen, 14 werden verbrannt, vier sterben im Gefängnis, fünf werden geköpft, einer kommt an den Galgen und neun erhalten andere Strafen.

Die Reformation hat zumindest in Bremen wohl Einfluss auf die Hexenverfolgungen – zumindest ab 1560, als sich in der Stadt die reformierte Kirche durchsetzt. Seit dieser Zeit nehmen die Todesurteile wegen Hexerei enorm ab.

1603 erlässt der Bremer Erzbischofs Johann Friedrich das "Edikt in Zaubereisachen". Es soll die übelsten Auswüchse der Hexenprozesse verbieten und an die menschliche Vernunft appellieren. Es dämmt die Hexenverfolgung in Bremen weiter ein.

In Oldenburg gibt es prozentual ähnlich viele Prozesse wegen Zauberei wie in Bremen, beide Städte gehen eher milde und gemäßigt mit Hexen- und Zaubereianschuldigungen um. Anders ist das in Verden. Dort werden zwischen 1517 und 1683 insgesamt 127 Menschen wegen Hexerei angeklagt, davon sind mindestens 112 Frauen. 71 Menschen werden hingerichtet oder sterben unter der Folter.

Auch in Schaumburg, Lippe und Ostfriesland werden deutlich mehr Menschen verfolgt, so kommt es in Aurich sogar zu Prozessen mit bis zu 20 Personen.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg fallen Bremen und Verden an Schweden. Die schwedische Königin verbietet Hexenverfolgungen im Jahr 1649 gänzlich. So endet diese grausame Praxis – zumindest in Bremen und Verden.

In Osnabrück und Umgebung werden mehr als 250 Menschen wegen Hexerei hingerichtet. Eine von ihnen ist Anna Ameldung. Doris Jahnke hat den Fall im folgenden Audio nachgezeichnet:




Quellen:

Ivette Nuckel: Hexenprozesse während des 16. und 17. Jahrhunderts. Ein Vergleich zwischen Bremen und Oldenburg. Oder: „Als auf dem Jodutenberge die Feuer schwelten“.
Joachim Woock: "... so sie angeregten Lasters verdechtig machet..." Die letzten Hexenverfolgungen in den schwedischen Herzogtümern Bremen und Verden
NDR.de: Niedersachsen - Hexenverfolgung wenig erforscht

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Das ist ein Zitat aus Luthers Hexenpredigt aus dem Jahr 1526. Hätte er das heute getwittert, ein großer Shitstorm wäre ihm sicher gewesen. Zu Recht.

#Aufschrei #LutherderKetzer #gehtsnoch #EsgibtkeineHexen #StopptdieVerfolgung

Doch zur damaligen Zeit ist der Glaube an Hexen und die Furcht vor ihnen weit verbreitet.


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1546: Das Ende naht

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Schwindel, Übelkeit, Gicht, Depressionen – 
Das sind nur einige von den Krankheiten, die Martin Luther mit zunehmendem Alter plagen. Schon 1542 macht er sein Testament: Seine Frau Katharina von Bora wird Haupterbin. Das ist juristisch gar nicht so einfach, denn Frauen wird in dieser Zeit keine selbstständige Rolle eingeräumt.

Zeit seines Lebens ist Luther ein engagierter Hochschullehrer, schreibt Bücher und predigt.   

Noch 1523 fordert Luther  mehr Rechte für Juden und dass man sie freundlich behandeln soll. Zum Ende seines Lebens hin aber radikalisieren sich seine Ansichten: Er bringt 1543 die Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" heraus, fordert sogar die Vertreibung.

Am 18. Februar 1546 stirbt er in Eisleben mit 62 Jahren vermutlich an einer Herzerkrankung. Er wird in der Wittenberger Schlosskirche, gleich neben der Kanzel beigesetzt. Johannes Bugenhagen hält seine Grabrede.

Die Reformation hat sich zu diesem Zeitpunkt schon über ganz Nordeuropa ausgebreitet.

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Jan van de Kamp: Die zweite Reformation

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Von 1546 bis 1547 wird Kaiser Karl, der Fünfte, versuchen den Protestantismus im Heiligen Römischen Reich zurückzudrängen. Der Schmalkaldische Bund – aus protestantischen Landesfürsten und Städten unter der Führung von Kursachsen und Hessen – wird dagegenhalten. 

Nach dem Schmalkaldischen Krieg beginnt die zweite Reformation, erläutert Jan van de Kamp im folgenden Audio:






Bild
Vorbereitung und Beginn des Schmalkaldischen Krieges 1546/47.



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Dies sind tatsächlich die letzten, auf einem Zettel festgehaltenen, Worte Luthers.   
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Luthers Ideen haben Geschichte geschrieben. Er hat Geschichte geschrieben. Nicht nur im Nordwesten hat sich der Protestantismus schnell verbreitet und das Leben der Menschen nachhaltig verändert. Die protestantische Kirche ist heute eine der größten Religionsgemeinschaften der Welt.

Und doch stellt sich die Frage: Was für eine Bedeutung haben Luthers Gedanken für unser Leben heute?

Hans-Gerhard Klatt, Pastor und Reformationsbeauftragter der Bremischen Evangelischen Kirche hat eine Antwort...
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Hans-Gerhard Klatt: Luther heute

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Super extended Version: Bonus-Material

How-To: Lego-Luther

Dazu braucht's: eine Lego-Figur, Filz, Garn, eine Schere und Knete.

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Übersicht
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Kapitel 1 Einführung: Luther, die Reformation und der Nordwesten

Martin Luther sagt Hallo!

Übersicht: Luther, die Reformation und der Nordwesten

Kapitel 10 Super extended Version: Bonus-Material

How-To: Lego-Luther

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